Hormone & Frauengesundheit

Endometriose: Ursachen, Symptome und warum die Diagnose oft Jahre dauert

SKDr. med. Simone KochÄrztin für funktionelle & Präzisionsmedizin · aktualisiert 5. Juli 2026

Endometriose ist eine komplexe, oft schmerzhafte Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut (dem Endometrium) ähnlich ist, außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst. Sie führt häufig zu starken Schmerzen, kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und die Lebensqualität erheblich mindern. Betroffen sind Millionen Frauen weltweit.

Was ist Endometriose, und wodurch entsteht sie?

Bei Endometriose siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, an Stellen an, an denen es nichts verloren hat. Meist wächst es im Becken. Man kann Gebärmutterschleimhaut aber sogar in Lunge oder Gehirn finden. Warum das passiert, ist noch nicht vollständig verstanden, es gibt mehrere Erklärungsmodelle.

Bei der retrograden, also rückläufigen Menstruation fließt Menstruationsblut, das Endometriumzellen enthält, durch die Eileiter zurück in die Beckenhöhle. Dort haften die Zellen an den Beckenorganen und beginnen unter dem Einfluss der Hormone zu wachsen. Ein anderes Modell geht von einer embryonalen Zelltransformation aus: Zellen, die sich eigentlich zu anderem Gewebe entwickeln sollten, wandeln sich in Endometriumgewebe um. Dazu kommt die Rolle des Immunsystems, das versprengtes Gewebe nicht erkennt und beseitigt, sowie eine genetische Veranlagung. Endometriose tritt oft familiär gehäuft auf; Frauen mit Verwandten ersten Grades, die betroffen sind, haben ein höheres Risiko.

Endometriose ist zweifellos hormonell beeinflusst, schließlich handelt es sich um hormonabhängiges Gewebe. Zunehmend setzt sich aber die Einsicht durch, dass auch ein autoimmuner Prozess beteiligt ist. Bei Endometriose finden sich regelmäßig Zeichen einer stillen, chronischen Entzündung, die für die Schmerzentstehung eine zentrale Rolle spielt.

Bei Endometriose finden sich regelmäßig Zeichen einer stillen, chronischen Entzündung.

Welche Symptome verursacht Endometriose?

Wie sich Endometriose äußert, hängt oft davon ab, wo die versprengten Herde liegen. Deshalb ist das Bild von Frau zu Frau verschieden.

Das vorherrschende Symptom sind Schmerzen. Sie können während der Menstruation auftreten, das nennt man dann Dysmenorrhoe, beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie), beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang (Dysurie, Dyschezie) und als chronische Beckenschmerzen. Viele Betroffene erleben außerdem schwere Menstruationsblutungen (Menorrhagie) oder unregelmäßige Zyklen.

Endometriose kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen, indem sie in Eileitern und Eierstöcken Entzündungen und Narben verursacht. Dazu kommen häufig Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Durchfall, Verstopfung und Übelkeit, besonders während der Menstruation. Und viele Frauen berichten über eine anhaltende Müdigkeit und ein Gefühl der Erschöpfung, die Fatigue.

Wie sich Endometriose äußert, hängt oft davon ab, wo die versprengten Herde liegen.

Wie wird Endometriose diagnostiziert?

Eine Diagnose zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Im Schnitt vergehen viele Jahre, in Deutschland und Österreich rund zehn Jahre, bis eine Frau die Diagnose Endometriose erhält. Das liegt einerseits an der Komplexität der Untersuchung. Andererseits werden Frauen mit Menstruationsschmerzen häufig nicht ernst genommen, weil solche Beschwerden oft als normal angesehen werden.

Der erste Schritt ist eine gründliche Anamnese und eine körperliche Untersuchung beim Gynäkologen. Am Anfang der apparativen Diagnostik steht heute die Bildgebung, vor allem der transvaginale Ultraschall; je nachdem, wo die Herde liegen, kann er aber falsch negativ ausfallen. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) liefert detailliertere Bilder und wird zur Planung von Operationen genutzt. Lange galt die Laparoskopie als Goldstandard; die aktuellen Leitlinien stellen inzwischen die Bildgebung an den Anfang und setzen die Laparoskopie vor allem dann ein, wenn die Bildgebung unauffällig bleibt. Bei dieser minimalinvasiven Operation wird die Beckenhöhle inspiziert und Gewebe entnommen.

Daneben wird an weiteren nichtinvasiven Verfahren geforscht: an bestimmten Blutparametern, der genetischen Veranlagung für Varianten im Östrogenstoffwechsel und in der ersten Entgiftungsphase, bestimmten COMT-Polymorphismen, Entzündungsmarkern wie Interleukinen und TNF-Alpha sowie mRNA-Untersuchungen auf epigenetische Einflüsse.

Menstruationsschmerzen werden häufig als normal angesehen. Das sind sie nicht.

Wie wird Endometriose behandelt?

Bei der Behandlung geht es darum, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Welcher Weg passt, hängt von der Schwere der Symptome ab, vom Alter und davon, ob ein Kinderwunsch besteht. Zur Schmerzlinderung kommen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Aspirin infrage. Häufig werden Hormone eingesetzt, vor allem Gestagene, die den Zyklus unterdrücken, etwa in der Antibabypille, sowie GnRH-Agonisten und -Antagonisten; sie können das Wachstum des Endometriumgewebes reduzieren. Spricht eine Frau nicht auf Medikamente an oder sind die Symptome sehr schwer, kann das Gewebe operativ entfernt werden, meist laparoskopisch. Bei unerfülltem Kinderwunsch kann eine künstliche Befruchtung (IVF) helfen, und manche Frauen finden Linderung durch Akupunktur, Ernährungsumstellungen oder Physiotherapie.

An der Behandlung scheiden sich allerdings die Geister. Wer besser für sich entscheiden möchte, sollte die Wirkung der gängigen Gestagene kennen. Alle Gestagene wirken antiöstrogenartig, vor allem an der Gebärmutterschleimhaut. Einige wirken in anderen Körperregionen zusätzlich östrogenartig und können so Wassereinlagerungen und Brustschmerzen verschlimmern. Manche steigern den Spiegel des steroidhormonbindenden Proteins SHBG deutlich; ist er hoch, stehen weniger freie Schilddrüsenhormone zur Verfügung.

Am stärksten wirkt hier das sehr beliebte Dienogest. Als Monopräparat in Endometriose-Pillen löst es einen Zustand der hormonellen Kastration aus. Das Endometriumwachstum kommt zwar zum Stillstand, doch die meisten hormonellen Systeme des Körpers werden dabei massiv beeinträchtigt. Gestagene mit stark androgener Wirkung können außerdem das Verhältnis der Blutfette LDL und HDL ungünstig verschieben und wirken sich damit wahrscheinlich langfristig ungünstig auf das Herz-Kreislauf-System aus.

Als Monopräparat in Endometriose-Pillen löst Dienogest einen Zustand der hormonellen Kastration aus.

Welche Rolle spielen Östrogenabbau und Ernährung?

Ein hormonelles Gleichgewicht ohne Östrogendominanz ist aus zwei Gründen wichtig. Die Metaboliten, die häufig für eine Östrogendominanz und ihre Symptome verantwortlich sind, wirken hochgradig proentzündlich. Und sie haben eine starke östrogenerge Restwirkung, können also den gesamten Zyklus lang wachstumssteigernd auf das Endometrium wirken. Eine große Rolle spielt dabei die Zufuhr an Giftstoffen, denn diese Metaboliten bleiben vor allem dann liegen, wenn die Leber mit dem Abbau anderer Substanzen beschäftigt ist.

Sport wird oft als besonders hilfreich angesehen. Mehrere Metaanalysen konnten für Sport allein aber weder einen eindeutigen Nutzen noch einen klaren Nachteil zeigen. Das ergibt in der Zusammenschau Sinn: Die genetischen Marker, die häufig mit Endometriose einhergehen, etwa Veränderungen im Östrogenmetabolismus oder eine Neigung zu chronischen Entzündungen, lassen sich über viele verschiedene Maßnahmen im Lebensstil beeinflussen. Sport ist dabei nur eine davon. Im Fokus stehen das Durchbrechen einer Insulinresistenz und das Vermindern einer Östrogendominanz. Wichtig sind außerdem ein Normalgewicht und ein gesunder Körperfettanteil ohne zu viel viszerales Fett, weil dieses besonders viel Östrogen produziert.

Bei der Ernährung sollten proentzündliche Nahrungsmittel gemieden werden, allen voran Transfette. Zitrusfrüchte verbessern über die Anregung bestimmter CYP-Enzyme oft den Abbau von Östrogenen. Auch Stoffe, die den Abbau über das Enzym COMT fördern, gelten als unterstützend: dazu zählen DIM aus Kohlgemüse, Sulforaphan aus Brokkolisprossen, Resveratrol, Grapefruitextrakt, Bergamotin, Arginin, B-Vitamine, Vitamin C, Magnesium, Tyrosin und SAMe.

Alles, was den Östrogenabbau unterstützt und die Östrogendominanz vermindert, wirkt sich auf die Beschwerden aus.

Welche Rolle spielen Darm, Histamin und das Nervensystem?

Der Darm spielt bei Endometriose eine wichtige Rolle. Je höher das Histamin insgesamt ist und je höher der Histaminwert im Stuhl, desto stärker werden die Beschwerden empfunden. Eine gute Grundlage sind ein gesundes Mikrobiom und eine intakte Darmschleimhaut, in der die Immunzellen nicht ständig in Habachtstellung sind. Entscheidend ist dabei weniger das Histamin, das über die Nahrung aufgenommen wird. Es kommt vor allem auf die Integrität der Immunzellen im Darm an.

Ein gesundes Mikrobiom lässt sich zum Beispiel mit Sporenbildnern unterstützen, die eine bakterienfreundliche Umgebung schaffen, und mit guten Bakterien, die den Darm längerfristig besiedeln und so das Mikrobiom stabilisieren. Auch das Nervensystem hat Einfluss: Alles, was es beruhigt und den Parasympathikus aktiviert, wirkt sich positiv auf die Beschwerden aus. Atemübungen können zum Beispiel helfen, den Körper zu entstressen.

Wie bei Autoimmunerkrankungen hilft es, die individuellen Trigger herauszufinden. Ist eine Östrogendominanz dein Trigger, lohnt es sich, die zweite Zyklushälfte zu stabilisieren und auf ein gutes Verhältnis von Progesteron zu Östrogen zu achten. Gib dir dafür mindestens drei Zyklen Zeit, um zu sehen, ob eine Maßnahme bei dir wirkt.

Je höher der Histaminwert im Stuhl, desto stärker werden die Beschwerden empfunden.

Häufige Fragen

Was sind die häufigsten Symptome von Endometriose?

Das vorherrschende Symptom sind Schmerzen: während der Menstruation (Dysmenorrhoe), beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen oder Stuhlgang und als chronische Beckenschmerzen. Dazu kommen häufig schwere Menstruationsblutungen, eine beeinträchtigte Fruchtbarkeit, Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen und Übelkeit sowie eine anhaltende Müdigkeit (Fatigue).

Warum dauert es oft so lange, bis Endometriose diagnostiziert wird?

Im Schnitt vergehen viele Jahre bis zur Diagnose, in Deutschland und Österreich rund zehn Jahre. Das liegt an der komplexen Untersuchung und daran, dass Menstruationsschmerzen häufig als normal abgetan werden. Der Goldstandard ist die Laparoskopie, eine minimalinvasive Operation; nichtinvasiv kommen Ultraschall und MRT infrage, die aber nicht immer alle Herde erfassen.

Ist Endometriose eine Autoimmunerkrankung?

Endometriose ist hormonell beeinflusst, weil es sich um hormonabhängiges Gewebe handelt. Zunehmend geht man aber davon aus, dass auch ein autoimmuner Prozess beteiligt ist. Regelmäßig finden sich Zeichen einer stillen, chronischen Entzündung, die für die Schmerzentstehung eine zentrale Rolle spielt.

Was kann ich bei Endometriose selbst tun?

Alles, was den Östrogenabbau unterstützt und eine Östrogendominanz vermindert, kann sich auf die Beschwerden auswirken. Dazu gehören ein Normalgewicht mit gesundem Körperfettanteil, das Meiden von Transfetten und anderen proentzündlichen Lebensmitteln, ein gesundes Darmmikrobiom und alles, was das Nervensystem beruhigt. Sinnvoll ist außerdem, die eigenen Trigger herauszufinden.

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Wissenschaftliche Quellen

  1. ESHRE Endometriosis Guideline 2022 (Becker et al., Hum Reprod Open, PubMed 35350465)
  2. AWMF S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose 2025 (015-045)
  3. Zondervan et al., N Engl J Med 2020 – Endometriose-Übersicht (PubMed 32212520)
  4. Shigesi et al., Hum Reprod Update 2019 – Endometriose & Autoimmunerkrankungen (PubMed 31260048)
  5. Hudelist et al., Hum Reprod 2012 – Diagnoseverzögerung Österreich/Deutschland (PubMed 22990516)
  6. Strowitzki et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2010 – Dienogest RCT (PubMed 20444534)
SK

Dr. med. Simone Koch
Ärztin für funktionelle & Präzisionsmedizin, Autorin von fünf Büchern, Gründerin der Akademie für Präzisionsmedizin.

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