Schilddrüse & Stoffwechsel
Insulinresistenz: Wie sie entsteht, woran du sie erkennst und was hilft
Eine Insulinresistenz bedeutet, dass die Zellen des Körpers immer schwächer auf das Hormon Insulin reagieren. Um trotzdem eine Wirkung zu erzielen, muss der Körper die Insulinproduktion drastisch erhöhen, wodurch sich die Resistenz weiter verstärkt. Statistisch betrifft sie etwa 30 Prozent aller Europäer, bei chronischen Erkrankungen tritt sie häufiger auf.
Was passiert bei einer Insulinresistenz im Körper?
Wenn der Körper einem Reiz über einen längeren Zeitraum und in zu großer Menge ausgesetzt ist, entwickelt er einen Schutzmechanismus und wird dem störenden Einfluss gegenüber resistent. Genau das passiert beim Insulin. Kreisen dauerhaft zu große Mengen davon im Blut, strömen ständig Glucose und Fettsäuren in die Zellen. Das überfordert und schädigt die Mitochondrien, die kleinen Kraftwerke der Zelle.
Aus dieser Überforderung entstehen oxidative Schäden, die im schlimmsten Fall zum Zelltod führen. Mit der sinkenden ATP-Produktion nimmt auch die Fähigkeit der Zelle ab, auf Insulin zu reagieren. Weniger Energie, ein hoher Blutzucker, eine schlechte Muskelfunktion und schnelle Ermüdung sind die Folge. Diese Stoffwechselstörungen begünstigen wiederum einen hohen Blutdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen; möglicherweise liegt beidem eine Fehlfunktion der Mitochondrien zugrunde.
Dabei muss nicht immer der ganze Körper betroffen sein. Auch einzelne Organe und ihre Mitochondrien können für sich insulinresistent werden. Manchmal greift der Mechanismus sogar bei Substanzen, die dem Insulin ähneln, etwa dem Weizenlektin Wheat Germ Agglutinin, Giftstoffen wie Bisphenol A oder Stoffen, die bei einer chronisch stillen Entzündung frei werden. Sind die Insulinrezeptoren blockiert, muss der Körper die Insulinproduktion drastisch erhöhen, um überhaupt eine Wirkung zu erreichen. Das nun viel höhere Insulin treibt die Resistenz an der Zelle weiter voran.
Der Körper lernt, sich vor Insulin zu schützen, er wird resistent.
Woran erkennst du eine Insulinresistenz?
Eine Reihe von Anzeichen kann auf eine Insulinresistenz hindeuten. Dazu zählen vermehrtes viszerales Fettgewebe, ein erhöhter Blutdruck, erhöhte Triglyceridwerte, also Fettwerte im Blut, sowie eine Neigung zu Ödemen. Auch familiäre Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein Diabetes Typ II in der Familie gehören dazu.
An der Haut zeigen sich manchmal Fibroma pendulans, kleine Hautanhängsel vor allem am Hals und in den Achseln, oder bräunliche Hautstellen in den Achseln, an Knien und Ellbogen. Weitere Hinweise sind ein PCOS bei Frauen oder eine erektile Dysfunktion bei Männern, hormonelle Dysbalancen, stark schwankende Energielevel, eine nicht-alkoholische Fettleber sowie die Unfähigkeit, körperlich oder psychisch fordernde Aufgaben zu erledigen, ohne dabei Kohlenhydrate zuzuführen.
Trifft einer dieser Punkte auf dich zu, ist eine Insulinresistenz naheliegend. Treffen zwei zu, ist sie sehr wahrscheinlich. Eine sichere Aussage liefert aber erst die Labordiagnostik.
Trifft einer dieser Punkte zu, ist eine Insulinresistenz naheliegend; treffen zwei zu, ist sie sehr wahrscheinlich.
Welche Rolle spielen Schlaf und Schilddrüse?
Es gibt Formen der Insulinresistenz, bei denen keiner der bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht, eine hohe Fructose-Aufnahme, Giftstoffe oder Transfette vorliegt. Ein unterschätzter Faktor ist der Schlaf. Schon eine einzige Nacht mit schlechtem Schlaf senkt die Insulinsensitivität um 30 Prozent. Hält der schlechte Schlaf an, reagieren die Zellen zunehmend schwächer auf Insulin. Das kann sich verselbstständigen und im Extremfall bestehen bleiben, selbst wenn die Schlafqualität wieder steigt. Zusätzlich fördert schlechter Schlaf auf Dauer chronisch stille Entzündungen, die ihrerseits in die Insulinresistenz führen.
Der zweite oft übersehene Faktor ist die Schilddrüse. Eine Unterfunktion bleibt häufig lange unerkannt und zieht mit der Zeit eine erhebliche Insulinresistenz nach sich. In manchen Fällen lässt sie sich selbst mit Schilddrüsenhormonen nicht mehr durchbrechen, weil die chronisch stillen Entzündungen bestehen bleiben und dann nichts mehr mit der Schilddrüse zu tun haben. Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, guter Schlaf und eine gut eingestellte Schilddrüse sind deshalb zentrale Hebel, um einer Insulinresistenz zu begegnen.
Schon eine einzige Nacht mit schlechtem Schlaf senkt die Insulinsensitivität um 30 Prozent.
Wie wird eine Insulinresistenz festgestellt?
Für die Feststellung einer Insulinresistenz reicht oft schon die Messung des Nüchterninsulins im Serum. Sinnvoll ergänzen lässt sich das durch den HbA1c-Wert, und bei bereits erhöhtem Insulin durch einen oralen Glukosetoleranztest (oGTT). Wer sich ketogen oder nach Paleo ernährt, für den kann zusätzlich die Bestimmung von Fructosamin hilfreich sein.
Bei den Normwerten gilt für das Insulin im Serum, gemessen nach mindestens 15 Stunden Nahrungskarenz: unter 4 µU/ml, besser noch 2 µU/ml. Werte über 9 µU/ml sprechen mit großer Wahrscheinlichkeit für eine Insulinresistenz. Die Nüchternglucose sollte unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) liegen. Beim HbA1c gilt ein Wert unter 5 Prozent als optimal, alles über 5,2 Prozent sollte weiter abgeklärt werden. Der Referenzbereich für Fructosamin liegt bei 205 bis 285 µmol/l.
Diese Referenzwerte können von Labor zu Labor abweichen. Sie dienen der Orientierung bei der Diagnostik und ersetzen keine engmaschige ärztliche Betreuung.
Für die Feststellung einer Insulinresistenz reicht oft schon die Messung des Nüchterninsulins im Serum.
Was hat Insulin mit dem Gehirn zu tun?
Insulin wirkt auf vielfältige Weise auf das Gehirn. Zugleich ist das Gehirn das einzige Organ, das Glucose auch völlig insulinunabhängig aufnehmen kann, und es wird selbst in größten Notlagen bevorzugt versorgt. Trotzdem kämpfen immer mehr Menschen schon wenige Stunden nach der letzten Mahlzeit mit Schwindel, Denkstörungen und Übelkeit, also mit Symptomen einer scheinbaren Unterversorgung.
Bei Nicht-Diabetikern kommt es dabei nie zu echtem Unterzucker, gemessen werden höchstens minimal erniedrigte Blutzuckerwerte von 50 bis 60 mg/dl. Was selten bestimmt wird, ist der Insulinspiegel. Ist er dauerhaft erhöht, entstehen zwei Probleme. Zum einen ist die Freisetzung von Glykogen aus der Leber gestört, sodass sie keine Glucose nachliefern kann, auch wenn das Gehirn dringend Nachschub braucht. Zum anderen muss Insulin niedrig sein, damit der Körper Ketonkörper bilden kann. Ein metabolisch flexibles Gehirn verwertet neben Glucose nämlich auch Ketonkörper. Während flexible Menschen oft schon nach 14 Stunden Fasten Ketonkörper bilden, geschieht das bei einer Insulinresistenz erst viel später.
Beobachtet wurde, dass sich nach einem Fastenintervall von 16 Stunden und mehr häufig die Insulinsensitivität verbessert und der Nüchternglucosespiegel sinkt. Ob intermittierendes Fasten auch dazu taugt, eine Insulinresistenz langfristig zu bekämpfen, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend untersucht. Wichtig ist in jedem Fall, den Blutzucker stabil zu halten und Spitzen zu vermeiden. Die entstehen nicht allein durch große Mengen Kohlenhydrate. Wird der Magen durch sehr große Portionen stark gedehnt, schüttet der Körper vorausschauend schon mehr Insulin aus, als für die anfallende Glucose nötig wäre, selbst bei nährstoffarmen Lebensmitteln wie Gemüse und Salat. Die Folge sind starker Unterzucker, Stress und eine kräftige Zuckerfreisetzung durch die Stresshormone, die den Blutzucker erst recht in die Höhe treibt.
Insulin muss niedrig sein, damit der Körper Ketonkörper bilden kann.
Was hilft bei einer Insulinresistenz?
Der wichtigste Ansatzpunkt ist, den Insulinspiegel zu senken. Dafür sollten mögliche Auslöser gemieden werden, etwa das Weizenlektin Wheat Germ Agglutinin sowie andere östrogen- und insulinwirksame Lektine, wie sie in Milch und Weizen vorkommen. Ebenso wichtig ist, die Ernährung so umzustellen, dass es immer wieder Phasen gibt, in denen kein Insulin gebraucht wird. Nur so lernt der Körper, die Produktion wieder herunterzufahren. Die Basis bilden eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, guter Schlaf und eine gut eingestellte Schilddrüse.
In stark symptomatischen Fällen können verschiedene Stoffe den Körper dabei unterstützen, die Insulinempfindlichkeit zu verbessern. Dazu zählen unter anderem Magnesium, Chrom, Berberin, L-Carnitin, Alpha-Liponsäure, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin C, Vitamin D, B-Vitamine sowie Traubenkernextrakt (OPC). Für einige davon lassen sich konkrete Mengen angeben, etwa täglich 300 bis 400 mg Magnesium als Citrat oder Glycinat, 200 bis 400 µg Chrom, 500 bis 1.500 mg Berberin, 1.000 bis 2.000 mg Omega-3-Fettsäuren oder 1.000 bis 2.000 IE Vitamin D3.
Ein Wundermittel gibt es nicht. Die genannten Stoffe können aber helfen, die Empfindlichkeit der Rezeptoren so weit zu verbessern, dass es anschließend leichter fällt, Fastenschemata und Ernährungspläne einzuhalten und den ungünstigen Kreislauf zu durchbrechen. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine ausgewogene Ernährung. Vor der Einnahme sollte immer ärztlicher oder ernährungsmedizinischer Rat eingeholt werden, um die richtige Dosierung für die eigenen Bedürfnisse zu klären.
Ein Wundermittel gibt es nicht.
Häufige Fragen
Was ist eine Insulinresistenz?
Bei einer Insulinresistenz reagieren die Zellen des Körpers immer schwächer auf das Hormon Insulin. Um trotzdem eine Wirkung zu erreichen, muss der Körper immer mehr Insulin ausschütten, was die Resistenz weiter verstärkt. Statistisch sind etwa 30 Prozent der Europäer betroffen, bei chronischen Erkrankungen tritt sie häufiger auf.
Woran erkenne ich eine Insulinresistenz?
Mögliche Anzeichen sind unter anderem vermehrtes viszerales Fettgewebe, ein erhöhter Blutdruck, erhöhte Triglyceridwerte, ein PCOS bei Frauen oder eine erektile Dysfunktion bei Männern, stark schwankende Energielevel und eine nicht-alkoholische Fettleber. Trifft ein Punkt zu, ist eine Insulinresistenz naheliegend, treffen zwei zu, ist sie sehr wahrscheinlich. Sicherheit bringt erst die Labordiagnostik.
Welcher Wert zeigt eine Insulinresistenz an?
Für die Feststellung reicht oft schon das Nüchterninsulin im Serum, gemessen nach mindestens 15 Stunden Nahrungskarenz. Werte über 9 µU/ml sprechen mit großer Wahrscheinlichkeit für eine Insulinresistenz, günstig sind Werte unter 4, besser noch 2. Ergänzend können HbA1c, ein oraler Glukosetoleranztest und Fructosamin herangezogen werden. Referenzwerte können je nach Labor abweichen.
Kann schlechter Schlaf eine Insulinresistenz auslösen?
Ja. Schon eine einzige Nacht mit schlechtem Schlaf senkt die Insulinsensitivität um 30 Prozent. Hält der schlechte Schlaf an, reagieren die Zellen zunehmend schwächer auf Insulin, und im Extremfall bleibt das bestehen, selbst wenn sich der Schlaf wieder bessert.
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Zu den BlutwertenWissenschaftliche Quellen
Dr. med. Simone Koch
Ärztin für funktionelle & Präzisionsmedizin, Autorin von fünf Büchern, Gründerin der Akademie für Präzisionsmedizin.