Hormone & Frauengesundheit
Progesteronmetabolismus: Bildung, Wirkung und Abbau eines mächtigen Hormons
Progesteron ist ein Steroidhormon, das du vermutlich vor allem in Verbindung mit dem weiblichen Zyklus kennst: Es reguliert diesen und ist an der Aufrechterhaltung einer Schwangerschaft beteiligt. Der Progesteronmetabolismus umfasst die Biosynthese, die Umwandlung und den Abbau von Progesteron und findet in unterschiedlichen Geweben und Organen in unserem Körper statt.
Wie entsteht Progesteron und wozu dient es?
Die Biosynthese beginnt mit Cholesterin, das als Vorläufer für alle Steroidhormone dient. Sie findet hauptsächlich in den Ovarien, den Nebennieren und während der Schwangerschaft auch in der Plazenta statt und besteht aus mehreren enzymatischen Schritten. Im ersten Schritt wird Cholesterin durch das Enzym Cytochrom P450scc (auch Cholesterin-Desmolase genannt) in den Mitochondrien zu Pregnenolon umgewandelt; dieser Schritt ist ausschlaggebend für die Geschwindigkeit. Anschließend entsteht aus Pregnenolon durch die 3β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase (3β-HSD) und die Δ4-5-Isomerase das Progesteron. Diese beiden Enzyme befinden sich in der glatten Membran des endoplasmatischen Retikulums.
Als wichtigster Vertreter der Gestagene ist Progesteron besonders in der zweiten Zyklushälfte wichtig. Es wandelt die durch Östrogene vorbereitete Gebärmutterschleimhaut so um, dass sich dort ein befruchtetes Ei einnisten kann, fördert danach das Wachstum der Gebärmutter und bereitet die Brust aufs Stillen vor. Kommt es in diesem Zyklus nicht zu einer Schwangerschaft, fällt der Progesteronspiegel wieder stark ab und die Monatsblutung setzt ein.
Der große Teil der Produktion erfolgt im Eierstock aus den Zellen des Corpus luteum, der Hülle, aus der das Ei gesprungen ist. Ein kleiner Teil entsteht immer in den Nebennieren und bildet die Basisversorgung. Schon in der ersten Zyklushälfte produziert der Gelbkörper mit zunehmender Eireifung Progesteron; erst nach dem Eisprung wird jedoch eine Verbindung zum Kapillarsystem hergestellt, sodass das Hormon systemisch wirken kann.
Cholesterin dient als Vorläufer für alle Steroidhormone.
Wie baut der Körper Progesteron wieder ab?
Die wichtigsten Metaboliten im Progesteronabbau sind 5α-Dihydroprogesteron (5α-DHP), 20α-Dihydroprogesteron (20α-DHP) und Pregnandiol. Sie entstehen durch verschiedene Enzyme, darunter Reduktasen und Dehydrogenasen. 5α-DHP wird durch die 5α-Reduktase aus Progesteron gebildet und hat eine modulierende Wirkung auf das zentrale Nervensystem. 20α-DHP entsteht über die 20α-Hydroxysteroid-Dehydrogenase (20α-HSD), besitzt eine geringere biologische Aktivität als Progesteron und wird in der Leber abgebaut. Pregnandiol entsteht ebenfalls über die 20α-HSD mit anschließender Oxidation, wird hauptsächlich über den Urin ausgeschieden und dient als Indikator für die Progesteronproduktion im Körper.
Der Abbau selbst findet überwiegend in der Leber statt. Dort wird Progesteron durch verschiedene Enzyme der Cytochrom-P450-Familie hydroxyliert. Die entstehenden Hydroxylierungsprodukte werden anschließend konjugiert, um die Löslichkeit zu erhöhen und die Ausscheidung über den Urin zu ermöglichen. Veränderungen in diesen Prozessen können sich unterschiedlich auf unser Hormongleichgewicht auswirken.
Der Abbau von Progesteron findet überwiegend in der Leber statt.
Welche Wirkungen hat Progesteron über den Zyklus hinaus?
Weil Progesteron von entscheidender Bedeutung für einen stabilen Zyklus ist, zieht sein Mangel zwangsläufig Zyklusstörungen nach sich. Ähnlich wie die Östrogene hat Progesteron aber auch vielfältige Wirkungen auf andere Organsysteme wie Knochen, Darm oder Blutgefäße. Eine besondere Wirkung entfaltet es in unserem Gehirn, wo es beruhigend und gelegentlich etwas müde machend wirkt. Das ist unter anderem der Grund, weshalb viele Frauen in der Schwangerschaft, wenn der Progesteronspiegel besonders hoch ist, über große Müdigkeit berichten.
Darüber hinaus scheint Progesteron einen entscheidenden Einfluss auf die Großhirnrinde zu haben. In Studien von Singh et al. konnte gezeigt werden, dass es zu Funktionsstörungen im Gehirn kommen kann, wenn die Hormonlevel nach den Wechseljahren oder einer Entfernung der Eierstöcke sinken. Östrogen kann zwar einige dieser Probleme beheben, doch dem Verlust von Progesteron kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Progesteron besitzt neuroprotektive Eigenschaften, die das Gehirn vor schädlichen Einflüssen im Alter und bei altersbedingten Erkrankungen wie Alzheimer schützen. Dabei scheint es Unterschiede in der Wirkung auf die Gehirnfunktion zwischen natürlichem Progesteron und dem synthetischen Medroxyprogesteronacetat zu geben.
An der glatten Muskulatur senkt Progesteron die Spannung der Muskelfasern; deshalb treten Krampfadern beispielsweise besonders häufig während der Schwangerschaft auf. Zudem wirkt es entwässernd und stark antientzündlich. Die antientzündliche Wirkung ist vermutlich auch ein Grund, warum ein Progesteronmangel häufiger mit der Entwicklung einer Autoimmunerkrankung einhergeht. Synthetisch veränderte Formen, die sogenannten Gestagene, können zusätzliche Wirkungen entfalten und sind in der Hormontherapie weit verbreitet. Bei einer Hormonersatztherapie müssen, solange die Gebärmutter noch vorhanden ist, immer auch Gestagene substituiert werden, da die Gebärmutterschleimhaut sonst einseitig stimuliert würde, was zu unerwünschtem Wachstum und Blutungen führen könnte.
Progesteron besitzt neuroprotektive Eigenschaften.
Wie verändert sich dein Befinden über den Zyklus?
Da wir zyklische Wesen sind und nicht zu jedem Zeitpunkt des Zyklus die gleiche Leistung haben, kannst du die hormonellen Veränderungen dazu nutzen, deinen Körper in seinen Bedürfnissen zu unterstützen. Während der Menstruation haben viele Frauen das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug und bevorzugen beim Sport eher ruhiges Yoga. Freiräume zum Alleinsein und etwas für dich selbst zu tun, können jetzt guttun; Recherche, isolierte Bürotätigkeiten und kreatives Schaffen fallen oft besonders leicht. Achte vor allem auf ausreichend Schlaf und Erholung.
In der frühen Follikelphase fühlen sich die meisten Frauen sehr wohl und beobachten eine wachsende Leistungsfähigkeit. Weil das Östrogen noch niedrig ist, solltest du dich nicht überfordern; dieser Zeitpunkt ist ideal, um neue Projekte zu planen. In der späten Follikelphase und rund um den Eisprung fühlen sich viele wie eine Superwoman: Sie brauchen weniger Schlaf, fühlen sich schön und sind tendenziell sozialer, die Durchsetzungsfähigkeit steigt. Diese Phase eignet sich für Präsentationen und Verhandlungen, aber auch für Partys.
In der frühen Lutealphase ist meist noch viel Energie vorhanden, es kommt aber eventuell zunehmend der Wunsch nach Rückzug und weniger sozialen Kontakten auf. Hohes Östrogen trifft auf optimales Progesteron, die besten Voraussetzungen für hoch konzentriertes und fokussiertes Arbeiten. In der späten Lutealphase fallen Progesteron- und Östrogenspiegel wieder ab, das Progesteron jedoch stärker als das Östrogen. Das kann reizbar und kritisch machen; parasympathische, entspannende Atemübungen sind dann besonders hilfreich. Diese Phase eignet sich gut, um „auszumisten“.
Wir sind zyklische Wesen und haben nicht zu jedem Zeitpunkt die gleiche Leistung.
Was begünstigt einen Progesteronmangel?
Zu den Symptomen eines chronischen Progesteronmangels zählen unter anderem Zysten an Brüsten und Eierstöcken, schmerzhafte Brüste in der zweiten Zyklushälfte, ein schmerzhafter Mittelschmerz, ein verkürzter Zyklus, verminderte Fertilität, eine schmerzhafte Blutung, starke, hellrote Blutungen, vermehrtes PMS und innere Unruhe vor allem in der zweiten Zyklushälfte.
Ein Progesteronmangel kann durch eine genetische Neigung bedingt sein; oft litten dann bereits Mutter, Oma oder auch Schwestern unter ähnlichen Symptomen. Als Modellvorstellung wird auch das sogenannte Pregnenolonstealing diskutiert, bei dem unter chronischem Stress mehr Ausgangssubstanz in Richtung Cortisol gelenkt werde. Endokrinologisch ist dieser Mechanismus im Menschen allerdings nicht sicher belegt und eher als Hypothese zu verstehen. Möglich ist außerdem ein Mangel an allen Steroidhormonen samt Pregnenolon durch eine falsch verstandene, stark cholesterinarme Ernährung, denn das Grundgerüst aller Steroidhormone und auch des Vitamin D basiert auf Cholesterin.
Bei einer Gelbkörperhormonschwäche werden vor allem fünf Ansatzpunkte beschrieben. Erstens eine ausreichende Zufuhr von Cholesterin und Cholin, Favorit Eigelb: Cholesterin ist der Grundbaustein unserer Steroidhormone, Cholin wird im Körper an vielen Stellen benötigt, unter anderem für Neurotransmitter, Hormone, Zellmembranen und die Entgiftung.
Zweitens Agnus castus: Der Mönchspfeffer wirkt über eine Regulation im Hypothalamus auf die Geschlechtshormone, zunächst auf die Gonadotropine und dann indirekt auf den Progesteronspiegel. Für einen Effekt ist eine ausreichende Dosis nötig; in Studien wurden Extraktmengen im Bereich von etwa 20 bis 40 mg verwendet. Die konkrete Dosis ist präparate- und zulassungsabhängig, und die Evidenzqualität ist begrenzt. Drittens Frauenmantel: Er wird in der Erfahrungsheilkunde traditionell in der zweiten Zyklushälfte eingesetzt. Ein Progesterongehalt der Pflanze ist wissenschaftlich allerdings nicht belegt.
Viertens ein optimaler Körperfettanteil: Im Fettgewebe werden Progesteron und Testosteron in Östrogen umgewandelt, was eine hormonelle Dysbalance und einen Progesteronmangel erheblich begünstigen kann. Fünftens Meditation, Atemübungen und ausreichend Schlaf: Alles, was hilft, das System zu beruhigen, hilft auch, den Progesteronspiegel in gute Bahnen zu lenken, etwa Yoga, Meditation und Atemübungen.
Das Grundgerüst aller Steroidhormone basiert auf Cholesterin.
Häufige Fragen
Merkt man den sinkenden Progesteronspiegel in den Wechseljahren?
Das Absinken des Progesteronspiegels in den Wechseljahren geht meist ohne erkennbare Beschwerden vonstatten. Auslöser der typischen Wechseljahressymptome sind hier eher die fehlenden Östrogene. Liegt insgesamt ein Mangel an Progesteron vor, kann eine Frau allerdings nicht schwanger werden.
Was versteht man unter Pregnenolonstealing?
Pregnenolonstealing ist eine Modellvorstellung, nach der unter chronischem Stress mehr Ausgangssubstanz in Richtung Cortisol gelenkt werde. Endokrinologisch ist dieser Mechanismus im Menschen nicht sicher belegt und sollte als Hypothese verstanden werden.
Warum treten Angststörungen bei Frauen häufiger auf?
Etwa 7 % der Bevölkerung leiden unter Angststörungen aller Art. Sieht man von Sozialphobien ab, die bei Männern ebenso oft auftreten wie bei Frauen, liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bei 2:1. Das lässt vermuten, dass diesen Störungen neben psychischen auch biochemische und physische Ursachen zugrunde liegen können, etwa eine Überlastung der Enzyme COMT und MAO A, eine verminderte CO2-Toleranz oder eine erhöhte Ansprechbarkeit der Beta-Adrenorezeptoren in der zweiten Zyklushälfte durch einen Gelbkörperhormonmangel.
Tiefer einsteigen
In der Masterclass BHRT vertieft Dr. Simone Koch die bioidentische Hormontherapie.
Zur MasterclassWissenschaftliche Quellen
Dr. med. Simone Koch
Ärztin für funktionelle & Präzisionsmedizin, Autorin von fünf Büchern, Gründerin der Akademie für Präzisionsmedizin.