Schilddrüse & Stoffwechsel
Die Schilddrüse: Warum sie den ganzen Körper beeinflusst
Die Schilddrüse produziert Hormone, die nahezu jedes Gewebe und Organ beeinflussen und den Stoffwechsel sowie den Energiehaushalt regulieren. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen die Unterfunktion (Hypothyreose), die Überfunktion (Hyperthyreose) und die Autoimmunerkrankungen Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow. Weil jede Zelle Schilddrüsenhormonrezeptoren besitzt, können Beschwerden der Schilddrüse den ganzen Körper betreffen.
Welche Erkrankungen der Schilddrüse gibt es?
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion, medizinisch Hypothyreose, produziert die Schilddrüse nicht genügend Hormone. Der Stoffwechsel verlangsamt sich, typische Symptome sind Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit und mentale Trägheit. Die häufigste Ursache ist die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis.
Das Gegenstück ist die Überfunktion (Hyperthyreose): Hier bildet die Schilddrüse zu viele Hormone, der Stoffwechsel beschleunigt sich, und es kommt zu Beschwerden wie Gewichtsverlust, Nervosität, Herzklopfen, Schlafstörungen und Zittern. Die häufigste Ursache der Überfunktion ist Morbus Basedow, bei dem Antikörper den TSH-Rezeptor stimulieren und so eine übermäßige Produktion von Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) anregen. Ein charakteristisches äußeres Zeichen ist das Hervortreten der Augen (Exophthalmus), das als endokrine Orbitopathie bezeichnet wird.
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift und schädigt. Mit der Zeit entsteht daraus eine Unterfunktion, weil das Organ nicht mehr genügend Hormone bilden kann. Typische Anzeichen sind Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut, Haarausfall und Gedächtnisprobleme.
Die Thyreoiditis de Quervain ist eine entzündliche Erkrankung, die oft durch eine virale Infektion ausgelöst wird. Sie verläuft meist in Phasen: zuerst eine vorübergehende Überfunktion, dann eine Unterfunktion, bevor sich die Schilddrüse wieder normalisiert. Zu den Symptomen gehören Halsschmerzen, Schwellungen im Halsbereich, Schluckbeschwerden, Fieber und Müdigkeit.
Warum betrifft die Schilddrüse den ganzen Körper?
Die Schilddrüse entscheidet mit darüber, ob die Energieproduktion im Körper funktioniert. Das aktive Hormon T3 dockt an den Mitochondrien an und beschleunigt ihre Arbeit, sodass sie mehr Energie bereitstellen. Fehlt T3, fehlt dem Körper Energie.
Ein zweiter Grund liegt in den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCRs). Diese Proteine in den Zellmembranen übertragen Signale von außerhalb der Zelle nach innen und reagieren auf Hormone, Neurotransmitter oder Licht. Ihre Produktion ist von T3 abhängig. Werden sie durch T3 aktiviert, steuern sie unter anderem adrenerge Rezeptoren (für Adrenalin und Noradrenalin) und beeinflussen so den Stoffwechsel und die Stressantwort.
Ist zu wenig T3 vorhanden, können diese Rezeptoren nicht ausreichend gebildet werden. Dann bleibt es weitgehend folgenlos, wie viel des jeweiligen Botenstoffs der Körper produziert, weil der passende Rezeptor fehlt. Interessant ist, dass dabei weder der T4- noch der TSH-Spiegel entscheidend ist, sondern die tatsächlich verfügbare Menge an T3.
Ohne ausreichend T3 finden viele Botenstoffe keinen Rezeptor, an dem sie andocken können.
Was sind die ersten Schritte bei einer Schilddrüsenunterfunktion?
Wenn bei dir gerade eine Unterfunktion festgestellt wurde, lohnt sich zuerst die Frage nach der Ursache. Ein wichtiger Schritt ist, eine Hashimoto-Thyreoiditis abzuklären. Dafür lassen sich Antikörper bestimmen, die Thyreoglobulin-Antikörper (Tg-AK, oft TAK genannt) und die TPO-Antikörper (TPO-AK). Es gibt allerdings auch seronegative Verläufe, bei denen keine Antikörper nachweisbar sind. Ob die Schilddrüse trotzdem entzündet ist, zeigt der Ultraschall: Sie stellt sich dann echoarm dar und ähnelt im Gewebe fast dem umliegenden Muskel, was typisch für Hashimoto ist.
Der zweite Blick gilt möglichen Nährstoffmängeln, allen voran Selen, Jod und Eisen. Zwei von drei enzymatischen Schritten bei der T4-Produktion sind eisenabhängig, eine Unterfunktion kann also auch durch Eisenmangel bedingt sein. Weil der Hämoglobinwert erst spät abfällt, sollten zur Abklärung mindestens Ferritin, Transferrin und Eisen im Serum bestimmt werden. Ein hochsensitives CRP hilft einzuordnen, ob ein hoher Ferritinwert wirklich einen Eisenüberschuss anzeigt oder eher eine Entzündung, denn Ferritin ist zugleich ein Entzündungsmarker.
Jod und Selen sind vor allem in ihrem Zusammenspiel wesentlich für eine gute Schilddrüsenfunktion. Jod ist ein essenzieller Nährstoff, den die Schilddrüse über den Natrium-Iodid-Symporter (NIS) aufnimmt, und auch das L-Thyroxin, das viele Betroffene einnehmen, enthält Jod, das bei der Umwandlung in die aktive Form T3 freigesetzt wird. Problematisch wird Jod für die Schilddrüse vor allem dann, wenn es im starken Überschuss gegeben wird, wenn gleichzeitig ein Selenmangel besteht, wenn die Schilddrüse stark entzündet ist oder bei einer Überfunktion.
Eine Unterfunktion kann auch entstehen, weil der Körper unter zu viel Stress steht und den Stoffwechsel bewusst herunterfährt, etwa nach einer Infektion oder in sehr belastenden Phasen mit dauerhaft hohen Cortisolspiegeln. Man spricht dann vom Euthyroid-Sick-Syndrom: Der TSH liegt meist im Normbereich, die freien Werte sind aber deutlich zu niedrig, während zugleich viele Symptome einer Unterfunktion bestehen.
Ein entzündeter Magen mag kein Essen, eine entzündete Schilddrüse kein Jod.
Welche Rolle spielen T3, T4 und die Deiodinasen?
Die bekanntesten Schilddrüsenhormone sind das inaktive Thyroxin (T4) und das aktive Triiodthyronin (T3). Ihre Freisetzung wird über das Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) aus der Hirnanhangdrüse gesteuert. Daneben entstehen weitere Botenstoffe wie Calcitonin sowie geringe Mengen reverse T3 (rT3) und T2. T2 wird überwiegend in der Peripherie gebildet und mit Gewichtskontrolle und Temperaturregulation in Verbindung gebracht.
Damit T4 wirken kann, muss der Körper es in das aktive T3 umwandeln. Diese Aufgabe übernehmen die Deiodinasen, die Jodatome aus den Hormonen entfernen. Es gibt drei davon: Die D1 sitzt vor allem in Leber und Niere, die D2 in Geweben, die T3 direkt benötigen, etwa Muskel, Nervensystem, Fettgewebe und Schilddrüse selbst, und die D3 überführt Hormone in eine inaktive Form.
Alle Deiodinasen sind Selen-Enzyme, in ihrem aktiven Zentrum sitzt Selenocystein. Wer mit Konversionsstörungen zu tun hat oder trotz guter freier Werte Symptome einer Unterfunktion spürt, sollte deshalb zuerst die Selenspeicher auffüllen. Über die D2 kann außerdem eine Gewebehypothyreose entstehen: Es bestehen alle Symptome einer Unterfunktion, obwohl die freien T3-Spiegel im Blut in der Norm liegen. Chronische Entzündungen hemmen die D2 zusätzlich.
Die freien T3-Werte im Blut sagen nicht immer, wie viel T3 wirklich in den Geweben ankommt.
Warum reicht L-Thyroxin allein oft nicht?
Die Hashimoto-Thyreoiditis wird häufig ausschließlich mit Hormonen behandelt, in vielen Fällen sogar nur mit T4. Das kann zu kurz greifen, denn als Autoimmunerkrankung geht Hashimoto mit einer chronisch stillen Entzündung einher, die die Deiodinasen stören und so die Umwandlung von T4 in T3 beeinträchtigen kann. Autoimmunerkrankungen betreffen immer den ganzen Körper, weil das gesamte Immunsystem beteiligt ist.
Sinnvoll ist deshalb, nach der Ursache der autoimmunen Reaktion zu fragen, die Entzündung im Körper zu reduzieren und die Schilddrüse dabei zu unterstützen, ihre Funktion möglichst wieder aufzunehmen. Ist noch genügend Schilddrüsengewebe vorhanden, kann sich das entzündete Organ in etwa 30 Prozent der Fälle erholen. Auch wenn das nicht gelingt, bleibt es wichtig, die autoimmune Reaktion einzudämmen, denn chronisch stille Entzündungen sind mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weitere Erkrankungen im späteren Leben verbunden.
Ein großer Teil der Umwandlung von T4 in T3 findet außerhalb der Schilddrüse statt: zu einem großen Teil in Leber und Niere sowie in weiteren peripheren Geweben. Bei Autoimmunerkrankungen sind beide Organe oft beeinträchtigt, sodass es trotz guter TSH-Werte und ausreichender T4-Gabe zu Unterfunktionssymptomen kommen kann. Auch Nährstoffe wie Jod, Selen, Zink, Eisen sowie Vitamin D und Vitamin A werden für die Konversion gebraucht.
Ob ein Glutenverzicht bei Hashimoto hilft, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Ohne nachgewiesene Zöliakie oder Glutensensitivität rechtfertigt die Studienlage derzeit keine generelle Empfehlung; ein Teil der Betroffenen berichtet aber über eine subjektive Besserung, sodass ein individueller, ärztlich begleiteter Auslassversuch sinnvoll sein kann. Was die Schilddrüse über das L-Thyroxin hinaus braucht, ist ein ganzheitlicher Blick: eine gesunde Ernährung, antientzündliche Maßnahmen, Vitamine und Mineralstoffe, Stressreduktion sowie Bewegung.
Autoimmunerkrankungen sind immer Erkrankungen des ganzen Körpers.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einer Schilddrüsenunterfunktion und einer Überfunktion?
Bei einer Unterfunktion (Hypothyreose) produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone, der Stoffwechsel verlangsamt sich, und es kommt zu Symptomen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme und Kälteempfindlichkeit. Bei einer Überfunktion (Hyperthyreose) bildet sie zu viele Hormone, der Stoffwechsel beschleunigt sich, mit Beschwerden wie Gewichtsverlust, Nervosität, Herzklopfen und Zittern.
Warum kann ich Symptome einer Unterfunktion haben, obwohl meine Blutwerte normal sind?
Die freien T3-Werte im Blut sagen nicht immer aus, wie viel T3 tatsächlich in den Geweben ankommt. Über die Deiodinase D2 kann eine sogenannte Gewebehypothyreose entstehen, bei der alle Symptome einer Unterfunktion bestehen, obwohl die freien T3-Werte in der Norm liegen. Chronische Entzündungen können diesen Effekt verstärken.
Sollte ich bei Hashimoto auf Gluten verzichten?
Die Studienlage ist nicht eindeutig. Ohne nachgewiesene Zöliakie oder Glutensensitivität gibt es derzeit keine belastbare Evidenz für eine generelle glutenfreie Ernährung bei Hashimoto. Manche Betroffene berichten über eine subjektive Besserung, daher kann ein individueller Auslassversuch unter ärztlicher Begleitung sinnvoll sein.
Tiefer einsteigen
Dr. Simone Koch hat mehrere Bücher zu Schilddrüse und Hashimoto geschrieben, darunter zwei Bestseller.
Zu den BüchernWissenschaftliche Quellen
- Endotext – Thyroid Hormone Metabolism (NBK285545)
- Piticchio et al., Front Endocrinol 2023 – Gluten & Hashimoto (PMC10405818)
- Huwiler et al., Thyroid 2024 – Selen & TPO-Antikörper (PMC10951571)
- van Zuuren et al., Cochrane 2013 – Selen (PubMed 24847462)
- Bahouth, J Biol Chem 1991 – T3 & β-Adrenozeptoren (PubMed 1651924)
Dr. med. Simone Koch
Ärztin für funktionelle & Präzisionsmedizin, Autorin von fünf Büchern, Gründerin der Akademie für Präzisionsmedizin.