Hormone & Frauengesundheit
Wechseljahre: was mit Östrogen und Progesteron passiert
Die Wechseljahre sind die Übergangszeit, in der der Eisprung zunehmend ausbleibt. Das verändert das weibliche Hormonsystem: Ohne Eisprung entsteht kein Gelbkörper, der Progesteron bildet. So kommt es zu einem Progesteronmangel, der das Verhältnis von Östrogen und Progesteron verschiebt und viele der typischen Beschwerden erklärt.
Was passiert in den Wechseljahren mit dem weiblichen Hormonsystem?
Der weibliche Zyklus hat zwei Phasen. In der ersten reift eine Eizelle heran. In der zweiten baut der Gelbkörper die Gebärmutterschleimhaut hormonell um und bereitet sie auf eine mögliche Schwangerschaft vor. Der Gelbkörper entsteht aus der Hülle, aus der das Ei gesprungen ist. Diese zweite Phase gibt es also nur, wenn es vorher einen Eisprung gab.
In den Wechseljahren bleibt der Eisprung zunehmend aus. Bleibt er aus, entsteht kein Gelbkörper, und ohne Gelbkörper wird nur sehr wenig Progesteron gebildet. Ein kleiner Teil davon stammt immer aus den Nebennieren und bildet eine Grundversorgung. Der große Teil aber kommt aus dem Gelbkörper, und genau der fällt jetzt weg.
So verschiebt sich das Verhältnis der beiden wichtigen Hormone. Das Östrogen kann weiter gebildet werden, das Progesteron dagegen fehlt. Aus diesem Ungleichgewicht lassen sich viele Beschwerden erklären, die Frauen in dieser Zeit kennen.
Die zweite Zyklushälfte mit ihrem Progesteron gibt es nur, wenn es vorher einen Eisprung gab.
Warum verändert sich die Blutung in den Wechseljahren?
Eine hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut blutet auch ohne Eisprung ab, oft sogar halbwegs regelmäßig. Was dann fehlt, ist das Progesteron aus dem Gelbkörper. Ohne Progesteron können sich die kleinen Blutgefäße der Schleimhaut nicht mehr richtig zusammenziehen.
Die Folge: Die Blutung wird stärker, dunkler und meist auch schmerzhafter. Dieselben Veränderungen treten auf, wenn im Verhältnis zum Östrogen zu wenig Progesteron gebildet wird. Dazu passen ein kürzer werdender Zyklus und starke, hellrote Blutungen, die beide zu den typischen Zeichen eines Progesteronmangels gehören.
Ohne Progesteron können sich die kleinen Blutgefäße der Schleimhaut nicht mehr richtig zusammenziehen.
Was ist eine Östrogendominanz, und was hat sie mit den Wechseljahren zu tun?
Der Begriff Östrogendominanz führt oft in die Irre. Gemeint ist kein absoluter Überschuss an Östrogen. Entscheidend ist das Verhältnis zum Progesteron. Das erklärt, warum eine Frau auch dann östrogendominant sein kann, wenn ihr Östrogen niedrig ist, solange ihr Progesteron nur noch niedriger liegt.
Genau das passiert häufig in den Wechseljahren. Fällt der Eisprung weg, fehlt vor allem das Progesteron, während das Östrogen noch gebildet werden kann. Bei normalen Östrogenwerten mit einer Gelbkörperschwäche entsteht so ein Progesteronmangel. Jeder Zustand ohne Eisprung führt in diese Richtung, ob durch die Wechseljahre oder in jungen Jahren.
In den Wechseljahren kann aber auch das Östrogen selbst knapp werden. Dann kommt zur Östrogendominanz ein echter Östrogenmangel dazu. Beschwerden wie Hitzewallungen, Scheidentrockenheit, Schlafstörungen und Libidoverlust gehen dann auf diesen Östrogenmangel zurück. Beide Seiten zu sehen ist wichtig, weil sonst genau diese Beschwerden übersehen werden.
Es geht um ein Verhältnis, nicht um eine absolute Menge.
Woran erkenne ich einen Progesteronmangel?
Ein chronischer Progesteronmangel zeigt sich auf viele Arten. Typisch sind schmerzhafte, spannende Brüste in der zweiten Zyklushälfte, ein verkürzter Zyklus, schmerzhafte und starke Blutungen sowie vermehrtes PMS. Viele Frauen berichten außerdem über eine innere Unruhe, besonders in der zweiten Zyklushälfte. Auch Zysten in Brüsten und Eierstöcken können dazugehören.
Progesteron ist weit mehr als ein Zyklushormon. Es wirkt entwässernd und stark entzündungshemmend. Vermutlich ist das auch ein Grund, warum ein Progesteronmangel häufiger mit Autoimmunerkrankungen einhergeht. Und weil Progesteron die Temperaturregelung im Gehirn beeinflusst, liegt die Körpertemperatur in der zweiten Zyklushälfte etwa ein halbes Grad höher als in der ersten.
Woher der Mangel kommt, ist unterschiedlich. Oft steckt eine familiäre Neigung dahinter. Dann hatten häufig schon Mutter, Großmutter oder Schwestern ähnliche Beschwerden. Diskutiert wird auch der Einfluss von Dauerstress, bei dem der Körper mehr von der gemeinsamen Ausgangssubstanz in Richtung Stresshormon Cortisol lenken soll. Und eine sehr fett- und cholesterinarme Ernährung kann die Bildung der Steroidhormone bremsen, denn Cholesterin ist ihr Grundgerüst.
Progesteron ist weit mehr als ein Zyklushormon.
Was hilft dem Hormonsystem in den Wechseljahren?
Das Wichtigste zuerst: der Lebensstil. Bei einer Östrogendominanz sind lebensstilverändernde Maßnahmen mit Abstand am wichtigsten, weit vor jedem Kraut und jedem Hormon. Dazu gehört, Stress so weit wie möglich herunterzufahren, für guten Schlaf zu sorgen und das Nervensystem zu beruhigen. Schon regelmäßiges, ruhiges Atmen hilft, den Progesteronspiegel in gesunde Bahnen zu lenken.
Ein zweiter großer Hebel ist der Umgang mit östrogenartigen Stoffen aus der Umwelt, den Xenoöstrogenen. Sie stecken in vielen Kunststoffen, Kosmetika und Pflegeprodukten. Über Kosmetik und Pflegeprodukte kommt man täglich mit vielen verschiedenen Substanzen in Kontakt, darunter solche mit östrogenartiger Wirkung. Auch ein gesundes Körpergewicht und eine gute Insulinempfindlichkeit gehören dazu, weil im Fettgewebe Hormone in Östrogen umgebaut werden.
Manchmal reicht der Lebensstil nicht, und Hormone kommen ins Spiel. Bioidentisches Progesteron kann helfen, wenn eine Gelbkörperschwäche der Grund ist. Es hilft aber nicht in jeder Konstellation. Liegt gleichzeitig ein Östrogenmangel vor, kann Progesteron allein sogar Beschwerden machen und die eigentlichen Symptome verdecken. Deshalb gehört diese Entscheidung in ärztliche oder therapeutische Hand, am besten auf Basis gemessener Werte.
Aus der Pflanzenheilkunde werden Mönchspfeffer und Frauenmantel traditionell eingesetzt, um den Körper in der zweiten Zyklushälfte zu unterstützen. Mönchspfeffer wirkt dabei über das Gehirn regulierend auf die Steuerung der Geschlechtshormone. Was davon für dich sinnvoll ist und in welcher Form, besprichst du am besten mit einer fachkundigen Ärztin oder einem Therapeuten.
Ich rate dazu, diese Stoffe so gut es geht aus dem eigenen Leben zu verbannen. Ganz gelingt das leider nie.
Häufige Fragen
Warum wird die Blutung in den Wechseljahren oft stärker?
Weil ohne Eisprung kein Gelbkörper und damit kaum Progesteron gebildet wird. Fehlt das Progesteron, können sich die kleinen Blutgefäße der Gebärmutterschleimhaut nicht mehr richtig zusammenziehen. Die Blutung wird dann stärker, dunkler und oft schmerzhafter. Auch ein kürzerer Zyklus kann dazukommen.
Kann man eine Östrogendominanz haben, obwohl das Östrogen niedrig ist?
Ja. Östrogendominanz beschreibt ein Verhältnis, keine absolute Menge. Ist das Östrogen niedrig, das Progesteron aber noch niedriger, spricht man von einer Östrogendominanz mit gleichzeitigem Östrogenmangel. Typische Beschwerden wie Hitzewallungen, Scheidentrockenheit, Schlafstörungen und Libidoverlust gehen dann auf den Östrogenmangel zurück.
Hilft bioidentisches Progesteron immer?
Nein. Ob es hilft, hängt von der Konstellation ab. Bei einer Gelbkörperschwäche hat bioidentisches Progesteron oft den größten Nutzen. Liegt gleichzeitig ein Östrogenmangel vor, kann die alleinige Gabe von Progesteron aber Beschwerden machen und die eigentlichen Symptome verdecken. Diese Entscheidung gehört in ärztliche oder therapeutische Hand.
Was ist in den Wechseljahren am wichtigsten?
Lebensstilverändernde Maßnahmen sind mit Abstand am wichtigsten. Dazu gehören weniger Stress, guter Schlaf, Bewegung und ein gesundes Körpergewicht sowie der bewusste Umgang mit östrogenartigen Stoffen aus der Umwelt. Kräuter und Hormone kommen erst danach.
Hormoncheck für die Perimenopause
Der kostenlose Hormoncheck zeigt dir, welche Werte in der Perimenopause zählen.
Zum HormoncheckDu willst tiefer einsteigen? Zur Masterclass BHRT
Wissenschaftliche Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (015-062, DGGG)
- NAMS 2022 – Hormone Therapy Position Statement, Menopause 2022 (PubMed 35797481)
- Stuenkel et al., Endocrine Society 2015 – Treatment of Symptoms of the Menopause, JCEM (PubMed 26444994)
- Prior JC, Endocr Rev 1998 – Perimenopause: Complex Endocrinology (PubMed 9715373)
- Prior et al., Sci Rep 2023 – Orales mikronisiertes Progesteron, RCT (PubMed 37277418)
- Gore et al., Endocr Rev 2015 – EDC-2: Endocrine-Disrupting Chemicals (PubMed 26544531)
Dr. med. Simone Koch
Ärztin für funktionelle & Präzisionsmedizin, Autorin von fünf Büchern, Gründerin der Akademie für Präzisionsmedizin.